Erschienen in „Der Honorarberater“ Ausgabe März. Hier erhältlich.

Smart Beta ist in: Mehreren Studien zur Folge zeigen Investoren immer mehr Interesse an so genannten Smart Beta Strategien. Als Smart Beta werden von den Autoren der Studien dabei Strategien bezeichnet, bei denen die Werte im Index nicht mehr nur rein nach Marktkapitalisierung gewichtet werden. Es kommen andere Kriterien zum Einsatz – das können fundamentale Kriterien sein, wie etwa die Dividendenrendite oder quantitative Kriterien wie Volatilitätskennzahlen. Hedging-Strategien, zum Beispiel Währungshedges oder Zinshedges. Inverse oder geleveragte Strategien werden üblicherweise nicht hinzugezählt.

Bereits Ende 2013 berichtete Blackrock, dass ETFs auf Indizes, die nach Dividendenrendite gewichtet werden, seit Jahresbeginn 2013 über 27 Milliarden Dollar eingesammelt haben sollten – nach nur 13,1 Milliarden Dollar in 2012. Ein wahrer Boom zeichne sich auch mit Blick auf sogenannte Minimum-Volatility- Strategien ab, in denen schwankungsarme Aktien höher gewichtet werden. Blackrock sprach hier von Zuflüssen von über 10 Mrd. USD. Im Februar meldete State Street, wie Blackrock auch ein führendes Haus für Indexstrategien, dass rund 40 Prozent der Umfrageteilnehmer bereits Smart Beta nutzen würden; über 24 Prozent wollten es in drei Jahren tun. Gefragt wurden aber vor allem institutionelle US-Anleger wie Pensionskassen oder Versicherungsunternehmen. Die Zahlen von Blackrock gelten für ETFs auf dem US-Markt. In Europe wird Smart Beta mittlerweile auch propagiert. Synonym sprechen die Anbieter auch von Advanced Beta oder Strategic Beta. Einen Standard bezeichnet Smart Beta nicht.

 

Bekannte Index-Strategien …

Neu sind die Konzepte allesamt nicht. Den Anfang hatte die bekannte Firma Research Affiliates gemacht; mit den in den USA recht populären gleichgewichteten Indizes der RAFI-Familie – das begann aber schon 2005. Das Konzept ist simpel und fand Anklang: Statt die Werte in einem Index nach Marktkapitalisierung zu gewichten, waren alle Werte eines Aktienindex zu gleichen Teilen vertreten. In der Folge stieg das Gewicht von Small- und Midcaps im Index stark an, was in einigen Marktphasen prima funktionierte. Rein rechnerisch wurde eine bessere Rendite mit kaum erhöhtem Risiko erzielt. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren die ebenfalls von Research Affiliates erstmals 2005 analysierten Strategien mit fundamentalen Kriterien zur Indexgewichtung wie Dividendenrendite, Cash Flow, Ertragszahlen oder Buchwert. Was in den USA Milliarden von Anlegerkapital anzog, kümmert in Europa recht bedeutungslos vor sich hin. Die mittlerweile auch in Europa beliebten Dividenden-ETFs sind ein Ergebnis dieser Bemühungen, auch wenn die Indexbasis meist von den etablierten Indexanbietern und nicht von RAFI gestellt wird. Die Berechnung ist heute kein Hexenwerk mehr, jedes Bloomberg-Terminal liefert die Datenbasis. … und noch immer im Markt Genau genommen sind auch die 1999 erstmals gestarteten Islamic-Indizes nichts anderes als Smart Beta-Produkte: Die Indexzusammensetzung und –Gewichtung erfolgt nach Kriterien wie geringer Verschuldungsquote der Unternehmen, Kurs/Dividendenverhältnis oder zugehöriger Branche. Banken, die mit Zinsen ihr Geld verdienen, wurden klugerweise ausgeschlossen und bescherten den Anlegern ein weitaus verdaulicheres Ausmaß der Finanzkrise in 2008. Ein echter Beitrag zur Risikobegrenzung also. Nur, dass hier das normative Diktat der Sharia die Regeln vorgibt und nicht der Kapitalist mit Rendite und Risiko. In die gleiche Richtung zielen die auch schon länger im Markt erhältlichen Nachhaltigkeits-Indizes.

Smart Beta ist buchstäblich von gestern

Ist Smart Beta also alter Wein in neuen Schläuchen? Immerhin, scheinbar neu sind ETFs, die die Index-Gewichtung beispielsweise nach Volatilitätskennzahlen vornehmen. Das Ziel ist, Werte mit geringerer Volatilität zu identifizieren und dann höher zu gewichten. Wirklich neu ist auch das nicht, Vieles wurde schon getestet, und hiess früher eben „Quant“.

Diese diffuse Landschaft aus alten und neuen Ansätzen für die Werteauswahl und/oder –Gewichtung für einen Index wird nicht durch Smart Beta als Standard- Begriff geeint. Die Gemeinsamkeit liegt ganz woanders: Smart Beta ist buchstäblich von gestern. Denn die Auswahl- und Gewichtungskriterien für den Index basieren allesamt auf Regeln, die sich auf Analysen von Vergangenheitsdaten stützen. Zwar mag es gute Gründe geben, warum der Ansatz auch in Zukunft gut funktionieren mag. Ein kausaler Zusammenhang kann vermutet, aber eben nicht nachgeprüft werden. Ein Schelm, wer dabei denkt, dass die Analysen der Vergangenheitsdaten nicht passgenau zu Investoren-Erwartungen geschnitzt werden.

Smart Beta = Nix Beta!

Smart Beta erzeugt also alles, nur kein Beta. Der Begriff des Beta, also des Marktrisikos, wird in der Regel mit dem kapitalgewichteten Index gleichgesetzt. Passives Investieren in solche Konstrukte ist populär geworden, weil Investoren ihr Risiko mit Mitteln der Diversifikation messbar senken konnten, und wegen der sehr effizienten Märkte keine Outperformance zum Ziel hatten. Theoretische Grundlagen sind die Nobel-Preis-geehrten Erkenntnisse von Markowitz, Fama oder Sharpe – also die moderne Portfoliotheorie, vor allem aber die Hypothese effizienter Märkte EMH und das Capital Asset Pricing Model CAPM. Entfernt sich eine Strategie davon, so kann das Ziel nur sein, ein Alpha zu erzielen. Mit allen Konsequenzen: Alpha kann nicht in allen Marktphasen ohne Anpassung erzielt werden. Und je effizienter ein Markt, desto schwerer ist ein Alpha zu erzielen – dem hat noch keiner wirklich widersprochen. Leider zielen die meisten Smart Beta- Strategien auf die breiten, effizienten Aktienmärkte. Ihr Verdienst ist nur der einfache und kostengünstige Zugang zu aktiven Strategien. Institutionelle Anleger wissen das. Smart Beta setzt damit Analysten und aktive Fondsmanager unter Druck, ist aber keine Alternative zum klassischen passiven Investment – besonders nicht für Privatkunden. Ich meine: Portfolios aus klassischen ETFs, das ist wirklich smart für private Kunden. Kostengünstig, prognosefrei, leicht erhältlich, breit diversifiziert und damit wenig anfällig für Schwankungen.